09.09.29, 17:29 | Harald Fidler
"Infam oder viel zu zahm?"
Die Verlagsgruppe Styria lud zu einer Diskussion anlässlich der Präsentation ihres neuen Buches: ‚Österreichs manischer Medienmacher‘ – Harald Fidler über die Welt des Wolfgang Fellner
Die Stimmung im Publikum war wie vor einer Kabarettpremiere. Am Podium: Buchautor, Buchinhalt und Wegbegleiter desselben: Standard-Redakteur Harald Fidler, Österreich-Herausgeber und Vielfach-Magazin-Gründer Wolfgang Fellner sowie sein langjähriger Wegbegleiter Michael Grabner und der jetzige Vorstandsvorsitzende der Verlagsgruppe News, Oliver Voigt. Einer war angesagt, aber verhindert, ein echter Widersacher nämlich: Styria-Chef und Verlegerpräsident Horst Pirker. Der Umstand, dass das Aufeinandertreffen Pirker-Fellner ausblieb, nahm dem Abend viel an Dramatik – was stattdessen stattfand, war ein joviales, freundliches, mit feiner Klinge und vielen guten „Sagern“ geführtes Gespräch.
Ein Match-Bericht zur Halbzeit?
Streichelweich mit einigen bissigen Randbemerkungen gab sich Fellner gegenüber Buchautor Harald Fidler. Zum einen predige Fellner seinen Sportreportern, sie dürfen niemals einen „Match-Bericht zur Halbzeit schreiben“ – und als solchen empfinde er Fidlers Werk. „Ich war sehr überrascht, dass jemand über mich – im Alter von 54 Jahren – ein 300-Seiten-Buch füllen kann, und bewundere den Autor für die Leistung, mein gesamtes Lebenswerk in der österreichischen Nationalbibliothek durchforstet zu haben.“ Nachsatz: „Das grenzt an Masochismus.“ Fellner attestiert Fidler besonders im Umgang mit seinen kritischen Anmerkungen angesichts der zu einer – nicht erfolgten – Autorisierung vorgelegten Erstfassung „ein großes Maß an Fairness, soweit dies dem Herrn Fidler innewohnt“, kommt aber – sehr zum Gelächter des Publikums – zum Schluss: „Ich hätte das Buch ganz anders geschrieben.“ Ernster Kritikpunkt: Zu wenig komme das gesellschaftliche Umfeld, aus dem etwa die Gründung von Rennbahn-Express oder Basta hervorgingen, vor – Fellner nennt es übrigens die „Generation von Kreisky bis Falco“.
Medienberater Michael Grabner auf die Frage des Moderators, Johannes Bruckberger, stellvertretender Chefredakteur der APA, was an Wolfgang Fellner gemäß Buchtitel denn „manisch“ sei: „Erfolgreichen Medien-Machern muss ein gewisses Maß an Extravaganz innewohnen, sie sind keine angepassten Menschen. Das hat sehr viel mit dem ungeheuren Arbeitseinsatz, mit der hohen Verantwortung und damit, dass sie ihr Leben ihren Medien opfern, zu tun. Sonst ist man nicht erfolgreich in dem Geschäft.“ Oliver Voigt hingegen räumte mit einem Mythos auf: Dass nämlich die Verlagsgruppe News, nachdem die Fellners an Gruner + Jahr verkauft haben, im Argen gelegen habe. „Gründern steht es zu, ihre Gründungen zum bestmöglichen Zeitpunkt und zum bestmöglichen Preis an jemanden zu verkaufen, der nicht so schlau war, selbst zu gründen“, so Voigt. Fellner schießt nach: „Der News-Verlag ist heute mehr wert als zu der Zeit, wo wir ihn verkauft haben. Vor allem wegen der Gründungen, die nach dem Verkauf erfolgt sind: Format oder der Jackpot Woman.“ Ernste Töne wurden angeschlagen, als Moderator Bruckenberger ein Zitat des abwesenden Pirker von der VÖZ-Generalversammlung zum Besten gab. Der Verlegerpräsident sprach von „Freundschaft über mehr oder minder sanften Druck bis hin zur Erpressung“ sowie „vorauseilender Bereitschaft zum Verkauf journalistischer und ethischer Standards“. Harald Fidler, um eine Interpretation gebeten, meinte sinngemäß, damit könnten fragwürdige journalistische Darstellungen gemeint sein – man erinnere sich an den Geiselnehmer mit genässter Hose – oder aber auch die Verquickung redaktioneller Inhalte mit dem Anliegen von Werbekunden beziehungsweise von öffentlichen Institutionen wie Ministerien, der Asfinag oder der ÖBB. Fellner konterte kühl, hier müsse jeder vor seiner eigenen Türe kehren – mit besonderem Hinweis auf die viel diskutierte ÖIAG-Kooperation in der Presse, deren Herausgeber Styria-Chef Pirker ist. Fellner sprach auch Pirkers Kampf gegen den Journalisten-Kollektivvertrag an und meinte: „Wenn jemand dem Journalismus in diesem Land Schaden zufügt, dann der Herr Pirker, nicht ich.“
Was von diesem Abend blieb: die Erinnerung an eine streichelweiche, amüsante Diskussion, in der zentrale ethische Fragestellungen der Medienwirtschaft zwar gestreift, aber – manchmal zum merklichen Ärger des Publikums – eher nonchalant vom Tische gewischt wurden. Und: Der Beweis, dass „der manische Medienmacher“ mit Kritik sehr gut, kontrolliert und humorvoll umgehen kann – zumindest an diesem Abend in der Buchhandlung Thalia in der Mariahilfer Straße. sl
Horizont, 25. September 2009
