09.09.29, 17:09 | Harald Fidler
"Ein "täglich Alles" der Nullerjahre"
Er zählt zu den erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Zeitungs- und Illustriertenverlegern des Landes: der gebürtige Wiener Wolfgang Fellner. Ein halbes Dutzend Illustrierte hat Fellner in den 80er- und 90er Jahren gegründet, darunter die Infotainment-Magazine „Basta“ und “News“. Mit der Tageszeitung “Österreich” – 2006 aus der Taufe gehoben – hatte Fellner weniger Glück. Das Boulevard-Blatt will weder, was die Verkaufsauflage, noch was das Inseratenvolumen betrifft, so richtig in die Gänge kommen. Wolfgang Fellner und sein Bruder Helmuth haben aber auch eine neue, zeitgemäße Form des Revolverjournalismus salonfähig gemacht in Österreich, konstatieren Kritiker. Der Medienjournalist Harald Fidler hat im Styria-Verlag nun eine kritische Biographie über den „manischen Medienmacher“ Wolfgang Fellner vorgelegt. Günter Kaindlstorfer hat sie gelesen.
„Für Ihre Schönheit im September empfiehlt sich FRISIERSALON IRIS – im neuen Geschäftszentrum am Ignaz-Rieder-Kai bei der Rennbahnsiedlung.“ Das war der handgemalte Text des allerersten Inserats, das die Gebrüder Fellner für eines ihrer Blätter aquiriert haben – 1969 für die hektographierte Ausgabe einer Salzburger Schülerzeitung namens „Rennbahn-Expreß“. Das Blatt sollte bald einen schwunghaften Aufschwung nehmen und in den 70er Jahren zu Österreichs führender Jugend-Illustrierter avancieren. Wolfgang Fellners Hang zu aggressivem Marketing und schmissigem Revolverjournalismus kam schon zu „Rennbahn-Expreß“-Zeiten zum Tragen, weist Harald Fidler in seiner lesenswerten Biographie nach. Insofern ist sich „Wofe“, wie Freunde und Kollegen den Yellow-Press-Tycoon nennen, bis heute treu geblieben.
OT Harald Fidler:
„Wolfgang Fellner ist ein manischer Mediengründer, ein journalistischer Triebtäter mit Bluthundinstinkt.“
Erfolgreicher Zeitungsgründer oder Citizen Kane für Arme? Harald Fidler zeichnet das bewegte Leben des Wolfgang Fellner in seiner erfrischend süffigen Biographie auf mehr als amüsante Weise nach. Wir erfahren einiges über die verlegerischen Anfänge des Salzburger Professoren-Sprosses, der schon für die ersten Ausgaben seiner auf Wachsmatritzen gefertigten Schülerzeitung zugkräftige Gewinnspiele ersann; wir erhalten faszinierende Einblicke in die Karriere von Fellner-Gattin Uschi, die als Bikini-Model für den „Rennbahn-Expreß“ begann und zu Wolfgangs Ehegespons und zur Soft-Themen-Beauftragten seiner Magazine avancierte; wir werden über Fellners Affinität zur SPÖ ins Bild gesetzt, die sich zu zwanzig Prozent ideologischer Sympathie und zu achtzig Prozent kommerziellem Kalkül zu verdanken scheint.
OT Harald Fidler:
„Wichtigster Anzeigenkunde des ,Rennbahn-Expreß´ waren schon Firmen und Institutionen aus der roten Reichshälfte, also aus dem Umfeld der SPÖ – wie Bawag, Zentralsparkasse, verschiedene Ministerien und die Partei selbst. Diese Entwicklung zieht sich durch Fellners gesamte Medienkarriere – bis hin zu „Österreich“ heute, wenn Sie sich anschauen, welche Institutionen heute stark in „Österreich“ investieren, dann ist das zum Beispiel die Gemeinde Wien, dann sind das Ministerien wie das Verkehrsministerium oder andere rot dominierte Ministerien bis hin zu ASGINAG und ÖBB. Im Gegenzug liest man in „Österreich“ dann Interviews mit dem Bundeskanzler, in denen er als Polit-Genie und unglaublich sympathisch dargestellt wird.“
Anfang der 80er Jahre begannen Wolfgang Fellner und sein Bruder Helmuth mit der Infotainment-Illustrierten „Basta“ die verschnarchte österreichische Zeitungslandschaft von damals aufzumischen. Es folgte die Gründung von Zeitschriften wie „News“, „tv-Media“, „Format“ und „Woman“ – allesamt sehr erfolgreich. Dabei hat das Wirken der Fellner-Brothers von Anfang an immer auch Kritiker auf den Plan gerufen. Fellner habe „Österreich mit einem Ozean von publizistischem Schlamm“ überzogen, krisierte etwa „Falter“-Herausgeber Armin Thurnher in der jüngsten Ausgabe seines Blatts, Fellner habe maßgeblich zur „Verheerung“ der österreichischen Medienlandschaft beigetragen. Harald Fidler teilt die Stoßrichtung dieser Kritik, formuliert es aber etwas anders.
OT Harald Fidler:
„Ich würde nicht von Verheerung oder Verwüstung sprechen, aber Wolfgang Fellner hat sehr wohl journalistische Standards herabgesetzt, zum Beispiel den Standard, Redaktion und Anzeigengeschäft zu trennen, zum Beispiel die Trennung von Redaktion und Marketing, zum Beispiel eine gewisse Unabhängigkeit von der Politik.“
„Fellnerismus“ wird dieser Verlotterung der journalistischen Sitten gern genannt. Eines scheint der Fellnerismus allerdings nicht zu entfalten: Nachhaltigkeit. Wolfgang Fellner scheint von einer, man möchte sagen, bizarren Gründer-Manie erfüllt. Kaum hat er ein Magazin, eine Zeitschrift, eine Verlagsgruppe aufgebaut, muß er sie wieder zerstören, um an ihrer Stelle etwas Neues aufzubauen.
OT Harald Fidler:
“Fellner gründet immer wieder neue Titel, er pusht sie mit aggressivem Marketing zu hohen Umsatz- und Leserzahlen, und dann, so hat man den Eindruck, wird ihm die Sache langweilig. Er verkauft seine Blätter dann zu – für ihn – äußerst vorteilhaften Konditionen und gründet neue Blätter, mit denen er den alten Konkurrenz macht und sie vielfach in Grund und Boden konkurrenziert. Woher dieser Drang zum manischen Mediengründen kommt? Ich weiß es nicht. Ich glaube, es wird ihm einfach langweilig.“
In diesem Punkt erinnert Fellner an Jörg Haider, der von einem vergleichbaren Drang erfüllt schien, mühsam Erreichtes über kurz oder lang wieder kaputt zu machen. Daß es das Fellner-Blatt „News“ war, das Haider in den 90er Jahren Dutzende Male aufs Cover hob und ihn dadurch zur Lifestyle-Ikone mit feschistischem Rebellen-Touch stilisierte, paßt ins Bild.
Harald Fidler hat für die Arbeit an seiner Biographie mehrere Interviews mit Wolfgang Fellner geführt, er hat mit Weggefährten, Kritikern und Kollegen des Illustrierten-Machers gesprochen. Eines wird dabei schnell deutlich: Als Chef ist Wofe, der bullige Choleriker mit der kumpelhaften Attitüde, nicht unbedingt ein Haupttreffer.
OT Harald Fidler:
“Wolfgang Fellner ist aus meiner Sicht nicht unbedingt der ideale Chef für Journalisten. Er schreibt Geschichten um, schreibt sie neu, er weiß im vorhinein, wie Geschichten laufen sollen, noch bevor die Recherche begonnen hat. Und sein Umgangston ist auch nicht unbedingt das, was man als angenehm, freundlich und entspannt bezeichnet.“
Wolfgang Fellners Redigierfreude ist berüchtigt. Texte von Reakteurinnen und Redakteure werden oft bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben, nachgebessert, aufgepeppt. Was Fellner eine „Lulu“-Geschichte zu nennen pflegt, erfahren wir in Fidlers Buch, eliminiert der Verleger gern persönlich mithilfe der sogenannten „Apfel-a-Methode“: Mit der Tasten-Kombination „Apfel a“ markiert Wofe persönlich den fertigen Artikel eines Schreibsklaven, um den Text alsdann mit der „Delete“-Taste ins journalistische Nirwana zu befördern. Fellner setzt sich dann an den PC, um den Artikel so umzuschreiben, wie er seiner Ansicht nach umgeschrieben gehört. Nicht unbedingt das, was man sich unter journalistischer Selbstverwirklichung vorstellt, zumindest nicht für Redakteure mit einem Mindestmaß an Selbstachtung.
Harald Fidlers Buch bietet intime und intimste Einblicke ins Innere des Fellner-Imperiums. Das reicht bis zu – den Ernährungsgewohnheiten des Chefs:
ZITAT:
„Und was isst Wolfgang Fellner? Wurstsemmel, Mannerschnitten, Cola Light galt bei „News“ als Einsermenü des Magazinmachers… Bei seinen Illustrierten war er dafür berüchtigt, praktisch jede herumstehende Cola-Flasche zu schnappen, wem immer sie gehört, kurz mit der Handfläche übers Mundstück zu wischen, und zumindest einen kräftigen Schluck zu nehmen. Snacks von Mitarbeitern sollen ebenso wenig vor dem Herausgeber sicher gewesen sein. Ob Tramezzino oder Text: Was dir gehört, gehört auch mir, und ich kann damit machen, was ich will. Redaktionsführung nach Gutsherrenart.“
In Harald Fidlers Biografie bekommt Wolfgang Fellners Bild einige Schrammen ab. Fellners Boulevard-Blatt “Österreich”, so erfahren wir, kämpft mit massiven Finanzproblemen, ist bei weitem nicht so erfolgreich, wie sich der Printmagnat das bei der Gründung 2006 erwartet hat. Ein „Qualitätsblatt“ hat Fellner damals versprochen, eine Tageszeitung neuen Typs, ein tägliches Magazin, an dem sich die Inserenten gar nicht sattbuchen könnten. Herausgekommen ist dann doch nur ein „täglich alles“ der Nullerjahre. Auch erfolgreiche Tycoons können scheitern: wie tröstlich.
Kontext, 25. September 2009
